Margaret Mitchell by Vom Winde verweht

Margaret Mitchell by Vom Winde verweht

Author:Vom Winde verweht [verweht, Vom Winde]
Language: deu
Format: epub
Published: 2011-01-05T10:31:39.783000+00:00


32

Immer noch hielt sie den roten Erdklumpen in der Hand, als sie die Stufen zum vorderen Hauseingang hinaufschritt. Die Tür auf der Rückseite des Hauses hatte sie lieber vermieden, Mammys scharfe Augen hätten sofort erkannt, daß etwas nicht in Ordnung war, und Scarlett wollte weder Mammy noch sonst jemanden sehen. Ihr war, als könne sie es nicht ertragen, je wieder einen Menschen zu sehen oder gar mit ihm zu sprechen. Von Scham, Enttäuschung und Bitterkeit empfand sie nichts, nur die Schwäche in ihren Knien und die große Leere in ihrem Herzen. Sie drückte den Lehm so fest, daß er ihr aus der geballten Faust durch die Finger glitt, und wiederholte immer wieder, wie ein Papagei: »Dies habe ich noch! Ja, dies habe ich noch!«

Sonst hatte sie nichts mehr, nur noch dieses rote Land, das sie vor ein paar Minuten hatte wegwerfen wollen wie ein zerrissenes Taschentuch, und nun war es ihr plötzlich wieder lieb und teuer. Dumpf ging ihr die Frage durch den Kopf, welcher Wahnsinn sie dazu getrieben haben könnte, es so gering zu achten. Hätte Ashley eingewilligt, sie hätte mit ihm fortgehen und all die Ihren, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen, verlassen können. Aber sogar jetzt in ihrer Herzensleere war ihr bewußt, daß es ihr das Herz zerrissen hätte, diese teuren roten Hügel, die langen ausgewaschenen Wasserrinnen und die hohen schwarzen Kiefern zu verlassen. Sehnsüchtig wären ihre Gedanken bis in ihre letzte Stunde hierher zurückgekehrt. Nicht einmal Ashley hätte den Raum in ihrem Herzen ausfüllen können. Wie weise war Ashley, wie gut kannte er sie! Er brauchte ihr nur die feuchte Erde in die Hand zu drücken, um sie wieder zur Besinnung zu bringen.

Sie stand im Flur und wollte gerade die Tür hinter sich schließen, als sie Hufschlag vernahm und sich umdrehte, um die Auffahrt hinunterzublicken. Jetzt Besuch, das war zuviel! Sie würde in ihr Zimmer laufen und vorgeben, sie hätte Kopfweh.

Aber als sie den näher kommenden Wagen erblickte, regte sich ihre Neugier. Es war ein nagelneuer, glänzend lackierter Wagen, auch das Geschirr mit seinen polierten Messingbeschlägen war neu. Sicherlich Fremde. Niemand von ihren Bekannten hatte Geld für eine so prachtvolle Aufmachung.

Sie stand auf der Schwelle. Der eisige Zugwind wehte ihr die Röcke um die nassen Fußgelenke. Da hielt der Wagen vor dem Hause, und Jonas Wilkerson stieg aus. Scarlett war so überrascht, als sie ihren früheren Sklavenaufseher in einem so eleganten Wagen und in einem so kostbaren Mantel sah, daß sie ihren Augen nicht trauen wollte. Will hatte ihr erzählt, er sähe recht wohlhabend aus, seitdem er den neuen Posten in der Befreiungsbehörde habe. Eine Menge Geld hätte er gemacht, sagte Will. Hätte die Neger oder die Regierung oder alle beide beschwindelt, den Leuten die Baumwolle beschlagnahmt mit der Begründung, sie gehöre der konföderierten Regierung. Auf redliche Weise war er in dieser schweren Zeit sicher nicht zu all dem Gelde gekommen.

Da war er nun, stieg aus dem Wagen und half einer übermäßig aufgeputzten Frau heraus. Auf den ersten Blick sah Scarlett, daß die Farbe des Kleides für eine Dame viel zu grell war, aber trotzdem verschlang sie es mit den Blicken.



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